Wie herrlich sie glitzern. Wie herrlich, die Fische unter Wasser zu beobachten. Wie sie durch das gebrochene Licht der untergehenden Sonne schwimmen. Ich würde ihnen so gerne viel länger zu schauen, nur leider habe ich im Gegensatz zu ihnen keine Kiemen. Ich bekomme schon kaum noch Luft, ich muss dringend wieder auftauchen. Aber ich will ja nicht. Dort oben passieren ganz andere Dinge. Dinge wegen denen ich überhaupt nur hier hinuntergeschwommen bin, die mich aufregen, weswegen ich mich hier beruhigen muss... Ja, Wasser beruhigt mich... Ob ich am Strand sitze und einfach nur stundenlang auf die Wellen schaue oder unter Wasser den Fischen zuschaue und das Wasser um mich herum spüre, wie es mich gefangen hält, wie es mich sicher auffängt, als wollte es mich nie mehr loslassen, mich nie mehr den Strapazen der Welt darüber aussetzen... Wieso kann nicht alles so sein? Ganz einfach, weil die Welt ungerecht ist...
Langsam wird mir schwarz vor Augen. Ich war so in Gedanken versunken, das ich gar nicht bemerkt habe, das ich am Ertrinken bin... Ertrinken ist ein schönes Gefühl. Ich würde gerne Ertrinken... Aber irgendetwas zieht mich nach oben... kein Mensch, eine Kraft, die mich wie magisch anzieht, die mir befiehlt wieder aufzutauchen... was ist diese Kraft? Was beeinflusst mich so?
Das Wasser tropft von meiner Nasenspitze, während ich langsam auf den Strand zuschwimme und versuche die Schreie hinter meinem rücken zu ignorieren. Im Schatten der großen Trauerweide liegt mein Handtuch. Ich gehe darauf zu und setze mich. Langsam drehe ich mich um und blicke dem Grund, wegen dem ich überhaupt ins Wasser gegangen bin entgegen.
Feuer. Menschen. Schreie. Tod. Es riecht süßlich wenn man Menschen verbrennt. Mir wird schlecht. Aber trotzdem... der Anblick ihres Todes hält mich gefangen. Ich kann nicht wegschauen, weil sie alle sterben... Alle auf den Scheiterhaufen geworfen. Nur weil sie es nicht verstanden haben. Wollten sie es nicht verstehen oder konnten sie es nicht? Ich glaube, diese Frage werden sie mir nie wieder beantworten können... Ein letzter Schrei... nun ist dort nur noch Asche... und ein paar Knochen. Ich glaube die werden meinem Hund schmecken. Das Feuer wird gelöscht. Jetzt bin ich die einzige von ihnen die überlebt hat. Nur weil ich verstanden habe. Irgendwie tut es mir Leid, das sie so geendet sind, aber ich meine, ich habe versucht es ihnen klar zu machen, ich habe versucht ihnen zu helfen zu verstehen und trotzdem konnte ich ihnen nicht helfen. Also haben sie es doch irgendwo verdient zu sterben. Weil sie ignorant waren. Eingebildet, egoistisch, arrogant, hinterhältig, unberechenbar, gnadenlos, verlogen, böse...
Aber macht es mich nicht zu einem genauso schlimmen Menschen, wenn ich ihnen auch den Tod gewünscht habe und einfach nur dabei zugesehen habe, wie sie starben? Leute die eigentlich meinten sie seien meine Freunde und es dann doch nicht waren... Trotzdem, möchte ich wirklich auf dieselbe Stufe wie sie gestellt werden? Nein! Lieber sterbe ich... und ich sehe ein, das ich auf der selben Stufe wie sie stehe... Wie oft habe ich mitgemacht, wenn sie etwas unrechtes taten... Wie oft hätte ich nicht einfach nur wegsehen sollen, wenn sie etwas taten, was mir nicht passte... Wie oft hätte ich...- Ich könnte mich soviel fragen und würde doch nur immer sicherer werden... Ich bin genauso schlimm wie sie alle. Ich verdiene ebenso den Tod.
Mit diesem Entschluss erhebe ich mich doch langsam wieder von meinem schattigen Platz. Die zeit ist gekommen. Wie in Trance schwebe ich auf das Wasser zu, das schon beruhigend und tröstlich seine Arme mir entgegenstreckt. Es empfängt mich herzlich wie immer und nimmt mich mit... diesmal muss es mich nicht wieder loslassen, diesmal widerstehe ich der Kraft an Land und lasse mich vom Wasser einfach hinabziehen... Welch eine Erlösung, endlich dieses berauschende Gefühl des Ertrinkens, alles hinter mir lassen und mein kurzes Leben Revue passieren lassen, bis alles im Schwarz versunken ist... genau wie ich.
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